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Brettchenweben – ein fast vergessenes Handwerk

Wenn ich auf Mittelaltermärkten oder ähnlichen Veranstaltungen erzähle, dass ich brettchenwebe, bekommen die meisten Leute das große imaginäre Fragezeichen auf der Stirn. Verständlich, denn Brettchenweben oder „Tablet Weaving“ im Englischen ist ein sehr altes Handwerk, das heute vor allem in unseren Breiten kaum mehr praktiziert wird. Mit dieser Technik werden Borten hergestellt, welche dann – zumindest bei vielen Mittelalter-Darstellern – auf die Gewandung aufgenäht oder als Gürtel verwendet werden. Dünne Bänder eignen sich mitunter auch als Geschenkbänder oder man macht aus Reststücken Lesezeichen oder Schlüsselanhänger.

Zur Geschichte des Brettchenwebens hier ein kurzer Abriss. Ich stütze mich hierbei hauptsächlich auf das Werk „The Techniques of Tablet Weaving“ von Peter Collingwood (ISBN 976-1-62654-214-3), wer es also ausführlicher haben möchte, wird in diesem Buch sicher fündig – leider gibt es das allerdings meines Wissens nach bisher nur auf Englisch…

Laut Collingwood – und da stimmen ihm viele andere Autoren und Historiker zu – stammen die ersten belegbar brettchengewebten Funde aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. In Heuneburg, einer frühkeltischen Höhensiedlung zwischen Ulm und Sigmaringen gelegen, wurde ein Gewebe gefunden, an deren Rändern eine brettchengewebte Zierborte angewebt wurde. Laut Collingwood handelt es sich bei frühesten brettchengewebten Funden stets um direkt an ein „normales“ Gewebe angewebte Borten – also keine separat gewebten Bänder, die dann auf das Hauptgewebe aufgenäht wurden. Das Gesamtwerk entstand praktisch aus einem Guss. Da Brettchengewebe immer verzwirnte Kettfäden aufweist, lässt es sich meist klar von beispielsweise am Gewichtswebstuhl gefertigtem Gewebe unterscheiden.

Allerdings gibt es einige Textilfunde, deren Machart noch ungeklärt ist – so zum Beispiel ein kunstvoll gefertigter Gürtel von Ramses III. datiert auf ca. 1200 v. Chr., den man häufig als Brettchengewebe bezeichnet. Bewiesen werden kann dies allerdings nicht.

Die ersten separat brettchengewebten Funde stammen aus der Eisenzeit, etwa aus dem 2./3. Jahrhundert n. Chr.

Interessant ist, dass sich die Funde fast auf die gesamte damals bekannte Welt erstrecken: Deutschland, Griechenland, Spanien, Dänemark, Schweden, Polen, Norwegen, Finland, England, Litauen, Irland, sogar China!
Verwunderlich ist das nicht, wenn man bedenkt, dass zum Beispiel die Wikinger ein Volk von Seefahrern, Händlern und Eroberern waren, die neu entdeckte Länder nicht nur verwalteten, sondern besiedelten. Man darf wohl annehmen, dass die Frauen dieser Seefahrer ihr Handwerk mitbrachten und auch an die dortige Bevölkerung weitergaben. Es gibt durchaus schriftliche Belege, die diese Behauptung untermauern können. So heißt es in der „Edda“, einem isländischen Gedicht aus dem 9.-12. Jahrhundert:

hunskar meyjar
paer’s hlada spjoldum
ok gøra gullfargt

Übersetzt bedeutet das soviel wie:

Hunnische Maiden, welche Goldbänder auf (oder mit) Brettchen machen

Die isländischen Mädchen haben also den hunnischen beim Weben zugesehen. Man kann sich gut vorstellen, dass sie gefragt haben „Wie geht das? Kannst du mir das beibringen?“, oder nicht?

Fakt ist: Das Brettchenweben ist eine sehr alte Handarbeitstechnik. Ihre Hochzeit feierte sie wohl im Mittelalter, wo selbst der Klerus brettchengewebte Zierborten trug. Spätestens jedoch mit der Technisierung der Textilherstellung geriet dieses Handwerk leider mehr und mehr in Vergessenheit. Lediglich in einigen ländlichen Gegenden, z.B. im skandinavischen Raum oder in Indonesien, hat das Brettchenweben überlebt, weitestgehend unbeachtet von der akademischen Welt. Erst im ausgehenden 19. Jahrhundert brachten Archäologen wie Stolpe oder Matthes diese Technik wieder ans Tageslicht.

Heute erfreut sich diese Technik – vor allem unter Mittelalter-Fans und Reenactern – wieder wachsender Beliebtheit. Und so habe auch ich mich mit diesem Virus vor einigen Jahren angesteckt.
Ich möchte hier nochmal betonen, dass ich weder einen Anspruch auf Vollständigkeit dieses Geschichtabrisses noch auf Richtigkeit desselben erhebe. Wer es ganz genau wissen möchte, dem kann ich folgende Literatur nur noch einmal ans Herz legen – es handelt sich um eine Neuauflage, die Erstausgabe stammt aus dem Jahr 1982:

Collingwood, Peter: The techniques of tablet weaving. Echo Point Books & Media, Brattleboro (Vermont) 2015

Für mich ist das Brettchenweben nur ein Hobby, das ich hauptsächlich nutze, um die Mitwirkenden unserer Mittelalter-Gruppe auszustatten. Was die Muster angeht bin ich dabei flexibel – von historisch belegt bis modern ist da alles dabei. Sicher werde ich in Zukunft noch einige meiner bisher gewebten Borten vorstellen.

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